Metaphern, die ich nicht mehr lesen möchte

Wir alle werden von der ununterbrochen arbeitenden Textproduktionsmaschine “Medien” über die Lage der Welt – oder genauer gesagt, über was von den Redaktionen als wichtige Aspekte dieser Lage bewertet wird – unterrichtet. Diese Auswahl ist hierbei bestimmt von einem implizitem Wertsystem, das sich im “Diskurs” herausbildet und eine Mischung ist aus dem Katastrophenfaktor, Konfliktfaktor, Gewaltfaktor, Prominenzfaktor und vor allem dem Was-die-Anderen-schreiben-Faktor.

Dies bezieht sich nicht nur auf die Themenauswahl, sondern auch auf die Wahl der Worte und Formulierungen. Man schreibt in das Erwartungsfeld hinein und rekreïert es dabei ständig.

Schön, schön. Hierbei ist nun, was das Thema “Kreditkrise” angeht, die Tendenz festzustellen, dass die Dinge nicht mehr bei ihrem Namen genannt werden, sondern saloppe und sarkastische Metaphern verwendet werden, die dermaßen überhand genommen haben und so oft wiederholt werden, dass sie einem zum Hals heraus hängen.

Eine Metapher sollte einen Text farbig und was geschieht greifbar machen, wenn sie verstanden wird. Sie kann damit auch der Abkürzung dienen, aber nur, wenn der nicht abgekürzte Zusammenhang für alle klar ist. Insofern kann sie Bestandteil einer Fachsprache werden – und der Metaphernbenutzer sich so als Fachmann darstellen. Das wird natürlich gern in Anspruch genommen.

Nehmen wir zum Beispiel die Formulierung “unter den Rettungsschirm schlüpfen”, die den Tatbestand beschreibt, dass eine Regierung Kredite aus einem speziellen europäischen Fonds in Anspruch nimmt. Das Bild ist plastisch – es regnet und außerhalb des Schirms wird man nass – aber nicht treffend ist etwas anderes. Zinssätze mit Regen und Trockenheit zu vergleichen – na ja, kann man machen, geistreich ist das nicht. Selbstverliebtes Ökonomendeutsch eben.

Aber wer kann die Bedeutung der Metapher sofort abrufen, die Nachricht sofort verstehen? Ein nicht kleiner Teil der Hörer oder Leser wahrscheinlich nicht. Eben weil sie nicht treffend ist. Nun haben wir die Lage, dass die nüchterne Benennung der Sache kaum noch auftaucht, überall wird nur noch nachgeplappert: “unter den Rettungsschirm schlüpfen”. Abgesehen davon, dass dadurch eine Eintönigkeit durch eine andere ersetzt worden ist, hat der Hörer oder Leser, der die Sache nicht intensiv verfolgt, kaum noch eine Chance, mitzukommen. Das heißt, dass wir weder unterhalten werden, noch belehrt, sondern nur noch berieselt.

Weitere schneidige – aber leider definitiv verbrauchte – Begriffe aus dem Umfeld der Kreditkrise sind: “marode Banken”, “Haushaltsloch”, “die Märkte” – und was sie tun, nämlich “gegen Land X spekulieren”, “die griechische Krankheit droht Land X anzustecken”, Zentralbanken (oder Regierungen) “drucken Geld” – oder noch schlimmer: “setzen die Gelddruckmaschinen in Gang”, “zocken” und “Ramsch” in verschiedenen Zusammensetzungen, “vergiftete Papiere” und so weiter und so fort.

Für diese Wortschöpfungen sollte ein fünfjähriges Benutzungsverbot erlassen werden!

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