Sonja Heller und Roman Stolyar im NK

Ich hatte Sehnsucht nach einer ehemaligen Mitbewohnerin von mir, die ich immer auf Butoh-Performances und anderen verrückten Veranstaltungen bewundert hatte. Über Facebook wusste ich von einem neuem Gig. Sie war immer in der Weltgeschichte herumgefahren, Chile, Brasilien, Russland,… für ihre Kunst.

Die Location war das NK, eine Ausstrahlung des Szenebezirks Kreuzberg nach Osten, ins billigere Treptow, ein verwunschener Ort in einem Hinterhof, wie soll es anders sein in einer Fabriketage. Hier ist noch nichts moderisiert. Lange Gänge. Wenig Leute bei Toröffnung. Gelassener Kassierer. eine Art Foyer mit kleinem Tresen, ein Kühlregal mit Bieren und Bionaden.

Ich wechsele ein paar Worte mit ihr, die mich im Umziehstress erst nicht erkannt hatte, sie klebt sich mit physiotherapeutischem Tape Kohlestifte an Knie und Ellenbogen. Sie ist klein, warmherzig und verbindlich, lebendig und impulsiv. Dann stellt sie mich ihrem Performance-Partner vor, Roman Stolyar, einem Russen aus Nowosibirsk. Er hat nackenlanges, lockiges dunkles Haar, das einmal schmissig ausgesehen haben muss, als er noch jung war, und das er selbstverständlich trägt. Er ist groß, hat ruhige dunkle Augen und liebt seine Musik und Menschen.

Roman Stolyar, spielend Inzwischen ist mehr Publikum gekommen. Die Sitze sind fast alle besetzt. Neben mir drei Amerikaner, eine junge Frau und Mann und ein älterer Mann, weißhaarig, schlank, mit einem weichen Gesicht. Die junge Frau stellt ihm irgendwas an seinem Smartphone ein, er wirkt unzufrieden deswegen. Weiter hinten ein aufgeklapptes Laptop, noch weiter hinten Kameras auf Stativen, mit Leuten dahinter.

Man unterhält sich noch, als Roman Stolyar sich beiläufig neben den Flügel stellt (- einem „Hölling & Spangenberg, aus Zeitz bei Leipzig“, wie überdeutlich auf der inneren Verstrebung zu lesen ist). Er greift sorgfältig, aber entschieden in den Kasten und bringt die kurzen Saitenstücke zum Klingen, die zwischen Auflage und Befestigungspunkt liegen – ein wundersamer, heller Klang. Dann ein samtiger Flötenton, gegen Ende absinkend gespielt und mit einem tonlosen Triller versetzt. Es macht dem Musiker sichtlich Vergnügen, seine Geräuschakzente zu setzen: Münzen zwischen die Saiten zu klemmen, die er anspielt, oder eine metallene Flöte darauf zu legen und so den gewohnten Pianoton kreativ zu brechen.

sonjahellerperformance150208 Sonja beginnt, sich zu bewegen. Sie hat sich in eine Tupperdose eine Klangelektronik eingebaut, mit allerlei Buchsen und Schaltern. Zwei Körperschallmikrophone nehmen das Kratzen und Schleifen und Tappen der Füße, der Hände, der Kohlestifte auf dem festen Papier, auf dem sie tanzt, auf und leiten es über die Lautsprecher an uns weiter. Konzentriert folgt sie Romans genau gesetzten Sequenzen (er spielt ebenso konzentriert, versunken-hellwach) ,  seinen schnell gespielten Ton-Trauben, setzt den trotz der Brechung immer noch klingenden, tonhaften Akkorden, Konsonanzen und Dissonanzen, dem arhythmischen Rhythmus, ihre Kratz-, Schab- und Reißgeräusche entgegen, ihre Bewegung und die Erschaffung eines wilden, spontanen Bildes aus grauen und schwarzen Linien und  Flächen, das als einziges Teilobjekt des Ensembles das Abebben der Zeit übersteht.

(Wenn man von den elektrischen Ladungsmustern absieht, die in den Speichern der Kameras ebenfalls flüchtig zurückbleiben.)

Eine Kombination von Eindrücken entfaltet sich: Klang, Geräusch, Bewegung, Bild, Mann, Frau, akustisches Instrument, elektronische Verfremdung, bildungsbürgerliches Piano, Gebrauch des Instruments als beliebiger Klangkörper, und gelegentlich scheint auch der Butoh-Tanz auf, mit dem Sonja Jahre verbrachte.

Ich verzichte danach auf die beiden nachfolgenden Gruppen. Nicht den einen Eindruck durch einen neuen überschreiben. Auch lieber noch sprechen mit ihnen.

http://www.facebook.com/zooid.art

https://myspace.com/romanstolyar

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