Demokrit – Ideen, deren Zeit noch nicht gekommen war

Ich war immer begeistert von Demokrits  Atomtheorie. Die Atome, die sich quasi zufällig bewegen und das Nichts ohne Oben, Unten, Anfang, Mitte oder Ende. Die verschiedenen Atome, die sich untereinander verbinden können. Kausalität und Erhaltungsprinzip. Er und die Traditionslinie des Denkens, der er zugehört, hat das moderne Weltbild, Teilchen, Zufälligkeit, Relativität, in einer großen Bewegung aufgeschlagen. Darauf durch reines Denken zu kommen, durch reines Erfinden und Prüfen, lange, lange vor der Möglichkeit experimenteller Beweise, ist wirklich ein Beispiel für die phantastische Fähigkeit des menschlichen Geistes, die Welt zu erschließen. Und für das beispiellose Aufblühen des Denkens in der griechischen Kultur.

Ich fand es auch immer bedauerlich und auch unverständlich, dass diese Theorie über viele Jahrhunderte so unterging, nur eine Marginalie blieb.

Nun las ich kürzlich durch Zufall etwas in einem Buch von Cicero: „Fünf Bücher über das höchste Gut und Übel“.

(Das kam vom Webdesign, wo man immer so einen ruinierten lateinischen Text verwendet, den sogenannten Lorem-ipsum-Text. Der soll Füllmaterial liefern, das nicht von der Form ablenkt. Tut er aber doch, denn er spielt mit dem Topos der klassischen Bildung, die kaum einer hat, die aber immer noch einen Kredit an Achtung mit sich führt, der sich in Jahrhunderten angesammelt hat. Dieser Lorem-ipsum-Text ist zurückführbar auf einen Abschnitt aus eben jenen fünf Büchern Ciceros.)

Cicero lässt sich des Langen und Breiten über den Stellenwert griechischer und römischer Autoren aus, und dass zu einer literarisch-philosophischen Bildung eben auch die Kenntnis der Letzteren gehöre. Interessanterweise war die Frage, ob man Literatur in der Originalsprache oder nur in der Übersetzung lese, auch damals schon wichtig.

Und dann geht er eben auch auf Demokrit ein. Er schätzt ihn als originalen Denker (im Gegensatz zu Epikur, einem Nachfolger, der, wo er Demokrits Auffassungen veränderte, dies zum Schlechteren getan habe).

Cicero achtet Demokrit, der „von allen gelobt sei“, kritisiert aber

  1. dass es kein Kleinstes geben könne,
  2. dass die verworrene Bewegung nicht die Schönheit der Welt erzeugen könne,
  3. dass er etwas über den Stoff, aber nichts über Kraft und Ursache gesagt habe.

Der erste Einwand ist berechtigt. Er ist heute aufgelöst dadurch, dass es so etwas wie etwas relativ-Kleinstes gibt: die kleinste Einheit, die sich mit einem gegebenen Niveau der Interaktionsenergie auflösen lässt. Dass wir Quarks nicht weiter auflösen können liegt daran, dass wir zur Zeit die dafür notwendige Kollisionsenergie nicht erreichen. (Vielleicht niemals.)

Der zweite Einwand ist unberechtigt, aber verständlich. Er wird im Grunde immer noch von den Kreationisten verwendet: wie kann Ordnung aus Chaos entstehen? Die Konzepte von biologischen Kettenreaktionen, Evolution, Selbstorganisation dissipativer Systeme, die dem einen Rahmen geben, waren damals nicht verfügbar. Sie sind es auch heute noch für viele nicht.

Der dritte Einwand betrifft eine grundlegende Veränderung, die die Auffassung von Wissenschaft durchgemacht hat, nämlich die von der Begründung zur Beschreibung. Es ist nicht, dass wir Kraft und Ursache als Elemente des Wissens aufgegeben hätten, aber wir haben ihnen einen Platz in einem größeren, lediglich beschreibenden Rahmen gegeben. Dabei waren die Griechen sich der Komplexität des Ursachebegriffs durchaus bewusst, siehe z.B. hier.

Demokrit war „von allen gelobt“ (Cicero), d.h. man spürte intuitiv, dass „da etwas dran war“, dass er auf ein kompaktes, elegantes und fruchtbares Erklärungsschema gekommen war. Aber der Mangel an unterstützendem Wissen, an Bestätigung, machte die Theorie kraftlos. Und als erzmaterialistische Theorie waren seine Gedanken in einem gewissen Sinne trostlos, nämlich frei von religiösem Trost. Demokrit selbst soll trotzdessen ein fröhlicher Mann gewesen sein – der lebendige Gegenbeweis der These, dass Materialismus trostlos sei.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s